Natur als Verbündeter: Warum wir die Natur für den Klimaschutz brauchen

Foto: Wald im Aschachtal © J. Limberger

Moore, Wälder, Flüsse und gesunde Böden können mehr für den Klimaschutz leisten, als man auf den ersten Blick vermutet. Die neue EU-Wiederherstellungsverordnung soll Europas geschädigte Natur wieder in Ordnung bringen. In Österreich droht die Umsetzung jedoch an politischen Zuständigkeiten, regionalen Interessen und mangelnder Finanzierung zu scheitern.

Es ist ein Bild, das sich in den vergangenen Jahren immer häufiger wiederholt: ausgetrocknete Böden, niedrige Flusspegel, vertrocknete Wiesen und Wälder, die unter Hitze und Trockenheit leiden. Gleichzeitig folgen auf lange Trockenperioden immer öfter heftige Gewitter und Starkregen. Die Klimakrise ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Sie findet vor unserer Haustür statt.

Wenn über Klimaschutz gesprochen wird, geht es deshalb zu Recht um erneuerbare Energien, den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und die Verringerung der Treibhausgasemissionen. Ohne diese Maßnahmen wird sich die Erderwärmung nicht stoppen lassen. Doch es gibt noch eine zweite Seite des Klimaschutzes, die oft weniger Beachtung findet: die Natur selbst. Denn Moore, Wälder, Böden, Flüsse und Feuchtgebiete sind nicht nur Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Sie sind gleichzeitig natürliche Klimaschützer. Sie speichern Kohlenstoff, halten Wasser zurück und können die Auswirkungen von Hitze, Dürre und Hochwasser abmildern.

Die Natur kann mehr, wenn wir sie lassen

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sind Moore. Sie bedecken weltweit zwar vergleichsweise kleine Flächen, speichern aber enorme Mengen Kohlenstoff. Werden sie entwässert, beginnt der im Torf gebundene Kohlenstoff sich zu zersetzen und gelangt als CO₂ in die Atmosphäre. Was früher als nutzloses Sumpfland betrachtet wurde, erweist sich damit als wertvoller Bestandteil des Klimaschutzes. Die Wiedervernässung von Mooren kann diesen Prozess bremsen. Gleichzeitig entsteht wieder Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere. Ähnliches gilt für Wälder und Böden. Ein gesunder Wald speichert Kohlenstoff, hält Wasser zurück und bietet Schutz vor Erosion. Ein humusreicher Boden kann große Mengen Wasser aufnehmen und damit helfen, Trockenperioden zu überstehen. Wird ein Boden dagegen stark verdichtet oder versiegelt, gehen diese Funktionen verloren. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie viel Natur haben wir noch? Sondern auch: Wie gut funktioniert diese Natur noch?

Hochwasserschutz beginnt nicht erst am Flussufer

Die Bedeutung intakter Ökosysteme zeigt sich besonders bei extremen Wetterereignissen. Wenn Starkregen auf eine vollständig versiegelte oder stark verdichtete Landschaft trifft, kann das Wasser kaum versickern. Es fließt schnell ab und kann innerhalb kurzer Zeit zu Überschwemmungen führen. Auen und Feuchtgebiete funktionieren dagegen wie natürliche Schwämme. Sie nehmen Wasser auf und geben es langsam wieder ab.

Auch bei Hitze kann die Natur helfen. Bäume spenden Schatten und kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung. Parks und begrünte Flächen heizen sich weit weniger auf als Asphalt und Beton. Gerade in Städten wird das zunehmend wichtig. Wer einmal an einem heißen Sommertag über einen großen, vollständig versiegelten Platz gegangen ist, weiß, wie stark sich Beton und Asphalt aufheizen können. Ein Park mit großen Bäumen fühlt sich dagegen oft um viele Grad angenehmer an. Renaturierung ist deshalb weit mehr als klassischer Naturschutz. Sie ist auch eine Form der Klimaanpassung.

Europa will die Natur zurückholen

Genau hier setzt die EU-Wiederherstellungsverordnung an. Die Mitgliedstaaten sollen geschädigte Ökosysteme schrittweise wieder in einen besseren Zustand bringen. Bis 2030 sollen auf mindestens 20 Prozent der Land- und Meeresflächen der Europäischen Union Wiederherstellungsmaßnahmen umgesetzt werden. Für Lebensräume, die sich in schlechtem Zustand befinden, gelten zusätzliche Ziele: Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent dieser Flächen wiederhergestellt werden, bis 2040 sollen es 60 Prozent und bis 2050 schließlich 90 Prozent sein.

Das klingt zunächst nach abstrakten Zahlen. Dahinter stehen jedoch ganz konkrete Maßnahmen: trockengelegte Moore sollen wieder vernässt, Flüsse und Auen renaturiert, Wälder und Graslandschaften aus naturschutzfachlicher Sicht aufgewertet und Lebensräume für Bestäuber geschaffen werden. Auch Meere und Küsten sollen stärker geschützt werden. Und selbst Städte sind Teil des Konzepts. Grünflächen, Bäume und begrünte Dächer sollen helfen, das städtische Klima zu verbessern. Es geht also nicht darum, Europa wieder in einen Urzustand zu versetzen. Vielmehr soll die Natur dort, wo sie stark geschädigt wurde, wieder einen Teil ihrer ursprünglichen Funktionen zurückbekommen.

Österreich steht vor einer schwierigen Aufgabe

Die EU gibt den Rahmen vor. Entscheidend wird aber sein, was daraus in den einzelnen Mitgliedstaaten gemacht wird. Österreich muss einen nationalen Wiederherstellungsplan erstellen und festlegen, wo und wie die Vorgaben umgesetzt werden sollen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn um Flächen konkurrieren unterschiedliche Interessen: Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Energieversorgung, Verkehr, Siedlungsentwicklung und Naturschutz. Konflikte sind daher vorprogrammiert.

Gerade deshalb wäre eine gemeinsame, langfristige Strategie notwendig. Gemeinden, Grundeigentümer, Landwirte, Wissenschaft und Naturschutzorganisationen müssen an einem Tisch sitzen. Renaturierung kann nicht funktionieren, wenn sie gegen die betroffenen Menschen organisiert wird. Gleichzeitig darf Beteiligung nicht dazu führen, dass am Ende überhaupt nichts passiert. Und genau hier liegt eines der Probleme, die sich in Österreich seit Jahren zeigen. Die bisherigen Pläne zur Umsetzung der EU-Vorgaben werden von verschiedenen Fachleuten und Naturschutzorganisationen als zu wenig ambitioniert kritisiert. Auch der Naturschutzbund hat weitergehende Maßnahmen gefordert.

Ein Grundproblem liegt in der österreichischen Kompetenzverteilung. Natur kennt keine Landesgrenzen, der Naturschutz ist in Österreich aber weitgehend Sache der Bundesländer. Was ökologisch zusammengehört, wird politisch häufig getrennt behandelt. Das erschwert eine einheitliche Strategie. Es stellt sich deshalb einmal mehr die Frage, ob Österreich nicht einen verbindlicheren bundesweiten Rechtsrahmen für den Naturschutz braucht. Ein österreichisches Naturschutzgesetz könnte gemeinsame Mindeststandards schaffen und verhindern, dass wichtige Maßnahmen immer wieder an unterschiedlichen Interessen der einzelnen Bundesländer scheitern.

Renaturierung ist keine Bedrohung für die Wirtschaft

Gegen die Wiederherstellung von Natur wird häufig eingewendet, sie koste Geld und schränke die Nutzung von Flächen ein. Das ist nur die eine Seite der Rechnung.

Was kostet es, wenn Böden ihre Fruchtbarkeit verlieren? Was kostet es, wenn Hochwasser ganze Regionen verwüstet? Was kostet es, wenn Wälder nach mehreren trockenen Sommern großflächig geschädigt werden? Und welchen Kosten muss eine Stadt tragen, in der sich die Bevölkerung während sommerlicher Hitzewellen kaum noch vor der Hitze schützen kann?

Die Natur stellt zahlreiche Leistungen kostenlos zur Verfügung. Sie speichert Wasser, bildet Böden, bindet Kohlenstoff, filtert Schadstoffe und bietet Lebensraum. Wenn diese Leistungen verloren gehen, müssen wir versuchen, sie technisch zu ersetzen – und das wird meist teuer.

Renaturierung kann deshalb auch eine wirtschaftliche Investition sein. Sie kann Hochwasserschäden reduzieren, Landwirtschaft widerstandsfähiger machen und neue Arbeitsplätze in Landschaftspflege, Naturschutz sowie nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft schaffen.

Aber Renaturierung ist kein Freibrief

So wichtig die Wiederherstellung der Natur ist, sie darf nicht als Ersatz für den eigentlichen Klimaschutz missverstanden werden. Ein neu gepflanzter Wald kann nicht rechtfertigen, dass gleichzeitig weiterhin große Mengen fossiler Energie verbrannt werden. Auch Moore und Böden können nur begrenzte Mengen Kohlenstoff aufnehmen. Und wenn ein Wald durch Hitze, Dürre oder Feuer zerstört wird, kann der gespeicherte Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre gelangen.

Deshalb bleibt die wichtigste Aufgabe, die Emissionen möglichst rasch und dauerhaft zu reduzieren. Erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Energiesparen, klimafreundliche Mobilität und Veränderungen in Industrie und Landwirtschaft bleiben unverzichtbar. Die Natur kann uns dabei unterstützen – aber sie kann uns die notwendige Energiewende nicht abnehmen.

Die eigentliche Chance liegt im Zusammenspiel

Vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Erkenntnis der europäischen Wiederherstellungsverordnung: Klimaschutz und Naturschutz sind keine Gegensätze.

Wer ein Moor schützt, schützt gleichzeitig einen Kohlenstoffspeicher. Wer einen Fluss renaturiert, schafft Lebensraum und verbessert den Hochwasserschutz. Wer einen Stadtpark erhält, schützt nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern schafft auch einen kühleren Ort für die Menschen. Wer Böden gesund hält, stärkt gleichzeitig Landwirtschaft und Wasserhaushalt. Die Natur ist damit nicht nur etwas, das wir vor den Folgen der Klimakrise schützen müssen. Sie kann selbst zu einem wichtigen Verbündeten werden.

Ob diese Chance genutzt wird, entscheidet sich allerdings nicht in Brüssel allein. Sie entscheidet sich auch in Wien, in den Bundesländern und letztlich vor Ort – dort, wo über Flächen, Flüsse, Wälder, Moore und die Entwicklung unserer Städte entschieden wird. Die kommenden Jahre werden daher zeigen, ob Renaturierung in Österreich tatsächlich zu einem zentralen Bestandteil der Klimaanpassung und des Naturschutzes wird – oder ob sie zwischen Zuständigkeiten, Einzelinteressen und politischen Auseinandersetzungen stecken bleibt.

Fest steht nur eines: Eine intakte Natur ist kein Luxus. Sie ist eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen – und damit auch ein Teil unserer Antwort auf die Klimakrise.

Österreichischer Wiederherstellungsplan

Österreich hat am 1. September 2026 seinen Entwurf für den nationalen Wiederherstellungsplan nach der EU-Verordnung (EU) 2024/1991 bei der Europäischen Kommission in Brüssel eingereicht.

Der Naturschutzbund Oberösterreich hat dazu eine Stellungnahme abgegeben: Stellungnahme des Naturschutzbundes Oberösterreich zum Begutachtungsentwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans (NRP) Österreichs

Naturfeikauf-Aktion vom Naturschutzbund unterstützen

Der Naturschutzbund schützt und erhält bedrohte Naturflächen und wertvolle Lebensräume durch einen Ankauf dauerhaft. Mit einer Spende kann man die Aktion Naturfreikauf unterstützen!

22.10.2026

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