Streuwiesen – aus der Mode gekommene Schatzkammern

Großer Brachvogel © J. Limberger

Lebensraum des Monats September

Streuwiesen sind Lebensraum zahlreicher hochspezialisierter und stark bedrohter Pflanzenarten. Auch seltene Tierarten wie der Große Brachvogel kommen hier vor. Leider ist diese traditionelle Wiesen-Bewirtschaftungsform in den letzten Jahrzehnten völlig aus der Mode gekommen.

Bei Streuwiesen handelt es sich um ungedüngte Feucht- oder Nasswiesen mit ganzjährig hohem Grundwasserspiegel, die in der Regel nur einmal jährlich und zwar erst im Spätherbst gemäht werden. Das von Streuwiesen gewonnene Mähgut ist aufgrund seines geringen Futterwertes nicht als Viehfutter, dafür aber als Einstreu in Viehställen gut geeignet.

Streuwiesen entstanden mit dem Beginn der winterlichen Stallhaltung. Ihre Hochzeit erlangten sie etwa Ende des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit erreichten sie in stroharmen und feuchten Regionen wie dem Alpenvorland ihre maximale Ausdehnung. Ihr wirtschaftlicher Wert konnte zeitweise denjenigen ertragreicher Futterwiesen sogar übersteigen. Allerdings wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Streuwiesen aufgrund neuartiger Stallsysteme und dem Import von billigem Stroh aus den Getreideanbaugebieten vielerorts als „nutzlos“ erachtet. Großflächig wurden sie durch Entwässerung, Düngung und Änderung des Mährhythmus in Futterwiesen umgewandelt, aufgeforstet oder verbrachten. Der Lebensraum Streuwiese ist heute daher äußerst selten.

Streuwiese am Irrsee © J. Limberger

Botanische Schatzkammern

Streuwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Hier wachsen auf 20 m² Fläche rund 30 bis 100 Pflanzenarten. Es kommen vor allem solche Pflanzen vor, deren Lebensrhythmus besonders gut mit dem Herbstschnitt harmoniert.

Heute liest sich die Liste der typischen Streuwiesenpflanzen wie das Who’s who der seltensten und bedrohtesten botanischen Kostbarkeiten unseres Landes: Neben dem Gewöhnlichem Pfeifengras (Molinia caerulea) als dominierende Grasart wachsen hier Mehlprimel (Primula farinosa), Gewöhnlicher Teufelsabbiss (Succisa pratensis), Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe), Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica), Prachtnelke (Dianthus superbus) und Sumpf-Siegwurz (Gladiolus palustris). Auch der Große Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), Blume des Jahres 2021, ist hier zu finden.

Streuwiesen am Irrsee © J. Limberger

Optisch unterscheiden sich Streuwiesen von den sattgrünen Futterwiesen durch die gelb-braunen Farbtöne.

Effiziente Wirtschafter

Streuwiesenpflanzen haben eine besondere Überlebensstrategie: Ab dem Hochsommer werden die in Blätter und Sprosse enthaltenen Nährstoffe und Assimilate in die basalen Pflanzenteile wie Wurzeln und Rhizome rückverlagert. Wenn im Herbst gemäht wird, findet daher kaum noch ein Nährstoffexport aus der Wiese statt und die gespeicherten Nährstoffe stehen der Pflanze im darauffolgenden Jahr für ihr Wachstum zur Verfügung.

Der Naturschutzbund Oberösterreich setzt sich durch „Naturfreikäufe“ für artenreiche Wiesen ein. Unterstützen Sie durch Ihre Spende die Aktion Naturfreikauf

2016 hat der Naturschutzbund Oberösterreich ein Sonderheft zum Thema „Lebensraum Wiese“ gestaltet, das nach wie vor nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und im Naturschutzbund-Büro erhältlich ist (E-Mail: oberoesterreich@naturschutzbund.at).

Lebensräume - Lebensträume

Jeder Art stellt bestimmte Ansprüche an ihren Lebensraum: Die einen mögen es warm und trocken, die anderen feucht und kühl. Es gibt Arten, welche beispielsweise nur im Wald oder im Moor zu finden sind, andere erobern selbst naturferne Biotope mitten in unseren Städten. Nur eine Landschaft mit einer bunten Palette an unterschiedlichen Lebensräumen bietet zahlreichen Lebewesen eine Heimat. Im Jahr 2021 stellt der Naturschutzbund verschiedene Lebensraumtypen Oberösterreichs, ihre typischen Bewohner und auch Gefährdungsursachen im Rahmen der Artikelserie „Lebensräume – Lebensträume“ vor.

 

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